Bilder-Galerie: Fenster, Nordschiff, 1. Joch – Schöpfungsgeschichte – Gottes Geist über den Wassern

Hella Santarossa – Schöpfungsgeschichte – Gottes Geist über den Wassern

Am Anfang der biblischen Erzählung von der Erschaffung der Welt stehen Licht und Wasser. Licht ist das eigentliche Gestaltungsmittel jeder Glaskunst. Das mittlere, in mehrfacher Hinsicht dominierende Fenster der Reihe ist ausdrücklich diesem Thema gewidmet, doch der Zyklus beginnt mit dem Thema des Wassers – nicht von ungefähr im Eingangsbereich der Kirche, was als Bezug zum Sakrament der Taufe zu deuten ist, dem überkonfessionellen Sakrament des Zugangs zur Kirche, zur Gemeinschaft der Gläubigen.

Heidelberg - Heiliggeistkirche - Nordschiff - 1. Joch, von Westen aus gezählt - Gesamtaufnahme des Fensters "Schöpfungsgeschichte - Gottes Geist über den Wassern" von Hella De Santarossa (aufgenommen im Oktober 2015, um die Mittagszeit)

Fenster “Schöpfungsgeschichte – Gottes Geist über den Wassern”

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich Santarossas Fenster im nördlichen Seitenschiff befinden. Es gibt hier also keine direkte Sonneneinstrahlung, was für die Wirkung der Fenster durchaus von Bedeutung ist. Von kontextualer Bedeutung ist aber auch, dass sich jenseits der Fenster in unmittelbarer Nähe der Neckar befindet. Hella Santarossas Wasser-Fenster schaut auf den ehemaligen, noch heute so benannten „Fischmarkt“ hinaus, der Giebel eines seiner Häuser ist bei genauer Betrachtung im oberen Bereich des Fensters zu erkennen.

Zweierlei kann dabei als charakteristisch für Santarossas Gestaltungsweise festgehalten werden: Ihre Fenster schließen den Sakralraum nicht völlig gegen die Außenwelt ab, wie dies etwa bei mittelalterlichen Fenstern der Fall ist, bei denen das von außen kommende Licht eine andere, jenseitige Welt in den Kirchenraum gleichsam hineinprojiziert, sie öffnen ihn aber auch nicht völlig zur außerkirchlichen Welt, wie dies als Gegenkonzept zur vorgenannten Position bei manchen Kirchen der 50er und 60er Jahre bewusst angestrebt wurde. In der Ambivalenz partieller Transparenz thematisiert Santarossa die doppelte Funktion jedes Fensters: Abgrenzung und zugleich Öffnung zu sein.

Heidelberg - Heiliggeistkirche - Nordschiff - 1. Joch, von Westen aus gezählt - Ausschnitt aus Feld (rechte Bahn, vierte Zeile) des Fensters "Schöpfungsgeschichte - Gottes Geist über den Wassern" von Hella De Santarossa (aufgenommen im Oktober 2015, am Nachmittag)

Ausschnitt aus einem Feld (rechte Bahn, vierte Zeile)

Dominierend im „Wasserfenster“ ist die Farbe Blau. In keinem anderen Fenster der Reihe ist sie so bestimmend und in ihren Stufungen auch mit Nachdruck auf die spezifische Ambivalenz des Wassers verweisend: Denn so unabdingbar dieses für jegliches Leben ist, so sehr kann es auch Gefährdung sein, unheimliche Tiefe, Element des Abgrunds und der Vernichtung.

In der christlichen Tradition ist das Wasser Symbol des Durchgangs, der Polarität von Leben und Tod, sehr konkret im Zeichen der Taufe, die ursprünglich ja ein Untertauchen war, ein Bild für das Sterben des „alten“ Menschen und sein Wiederauftauchen als neu Geborener. Bilder wie der Durchzug der Israeliten durch das Schilfmeer auf dem langen und beschwerlichen Weg ins „Gelobte Land“, der Gang mit der Bundeslade durch den Jordan und Jesu Taufe zu Beginn seines öffentlichen Wirkens stehen für diesen Zusammenhang. Doch Hella Santarossa illustriert keine biblischen Geschichten. Vielmehr setzt sie in der Manier einer Collage verschiedenste formale und inhaltliche Aspekte zu einander in Beziehung, wobei auch sehr persönliche Reminiszensen, Zitate, Fragmente eigener Fotografien, Aphorismen und Fundstücke mit einander verknüpft werden.

Heidelberg - Heiliggeistkirche - Nordschiff - 1. Joch, von Westen aus gezählt - Ausschnitt aus Feld (linke Bahn, vierte Zeile) des Fensters "Schöpfungsgeschichte - Gottes Geist über den Wassern" von Hella De Santarossa (aufgenommen im Oktober 2015, am Nachmittag)

Ausschnitt aus einem Feld (linke Bahn, vierte Zeile)

Das Vielerlei der Fragmente schließt eine klare übergeordnete Gliederung jedoch keineswegs aus, macht sie im Gegenteil erst eigentlich möglich. In allen Fenstern außer dem in mehrfacher Hinsicht anders gestalteten fünften entspricht diese Gliederung dem traditionellen Aufbau von Kirchenfenstern, die häufig eine betonte Mittelachse aufweisen, um die herum sich kleinere Szenen gruppieren.

In den Genesis-Fenstern besteht dieses Umfeld aus zahllosen reflektierenden Glaspartikeln, einem Fond, in dem schmale balkenartige Elemente verschiedener Färbung gleichsam schwimmen und sich, im Falle des ersten Fensters, im bekrönenden Maßwerk wie Treibgut stauen. Rechts und links wird das Ganze streckenweise durch wassergrüne Bordüren begrenzt, auch dies entspricht tradierter Fenstergestaltung. In der mittleren Bahn, diese nach beiden Seiten überschneidend, bauen sich als dominierende Struktur übereinander zwei ungleich große und verschieden getönte blaue Rechtecke auf, in denen gegenständliche Figurationen aufscheinen.

Heidelberg - Heiliggeistkirche - Nordschiff - 1. Joch, von Westen aus gezählt - Feld (mittlere Bahn, zweite Zeile) des Fensters "Schöpfungsgeschichte - Gottes Geist über den Wassern" von Hella De Santarossa (aufgenommen im Oktober 2015, am Nachmittag)

Feld (mittlere Bahn, zweite Zeile)

Im vierten Feld der mittleren Bahn taucht, hoch über dem abgrundtiefen Blau, das Bild einer Schwimmerin auf – Hella Santarossa hat dafür das Foto einer Freundin verwendet. Nicht von ungefähr erscheint in diesem Fenster das Bild einer Frau: Blau, die Farbe unseres Planeten, ist nicht nur die Farbe der Ferne, der Höhe, Weite, Tiefe, Sehnsucht und Transzendenz, sondern auch die der Frau. Blau ist der Mantel der Madonna, das Fragment eines Madonnenbildes erscheint denn auch im Blau des zweiten Bildfeldes.

Interessanterweise kommt Blau im Fensterzyklus nur noch ein einziges weiteres Mal vor, im unteren Teil des vierten Fensters als Hinweis auf den Kosmos. Ein winziges, aber unübersehbares Blau als Element der Transzendenz leuchtet vom gegenüberliegenden Schreiterfenster herüber, und dies ist nicht der einzige Bezug, der sich in Santarossas Zyklus zu Schreiters Projekt aufzeigen lässt. Ein ebenso winziges Rot im „Nonnenkopf“ der mittleren Maßwerkbahn mag man als Antwort der Künstlerin interpretieren.

Spätestens an dieser Stelle muss auf die ganz und gar neuartige, untrennbar mit Form und Inhalt verbundene Rolle von Technik und Material im Schaffen der Künstlerin verwiesen werden. Denn Hella Santarossa kontrastiert, kombiniert und konfrontiert nicht nur heterogene formale und inhaltliche Details miteinander, wie dies seit der Erfindung von Collage und Assemblage für künstlerische Gestaltung generell konstituierend geworden ist und sich auch in ihren malerischen Arbeiten findet, sie hat vielmehr dieser Kompositionsweise durch die von ihr erfundene und in den Heidelberger Fenstern erstmals realisierte Sandwich-Technik völlig neue und spezifische, die Grenzen der Zweidimensionalität überschreitende Möglichkeiten erschlossen.

Heidelberg - Heiliggeistkirche - Nordschiff - 1. Joch, von Westen aus gezählt - Ausschnitt aus Feld (rechte Bahn, unterste Zeile) des Fensters "Schöpfungsgeschichte - Gottes Geist über den Wassern" von Hella De Santarossa (aufgenommen im Oktober 2015, am späten Nachmittag)

Ausschnitt aus einem Feld (rechte Bahn, unterste Zeile)

Unter Verwendung einer speziellen Klebetechnik füllt sie den Zwischenraum zwischen zwei Scheiben mit unterschiedlichsten Gläsern aus, mit farblosem und farbigem Glas, mit opakem und transparentem Material, mit Echtantikglas und Floatglas, Verbundglas und Sicherheitsglas, bemalten und oder auch mittels Siebdruckverfahren mit fotografischen Motiven bedruckten Scheiben.

Hinweise auf Weltgeschehen, Natur, Kosmisches, Gegenständliches, Persönliches, Individuelles und Informelles betreten die Bühne des Bildes. Auch Urlaubsaufnahmen und Selbstbildnisse oder Fragmente davon können da Platz finden, wie überhaupt das Kombinieren von Fragmenten eines der wichtigsten Gestaltungsprinzipien der Kunst von Hella Santarossa ist, nicht nur, wenn sie mit Glas arbeitet. Anzumerken ist, dass nichts an diesen „Glasreliefskulpturen“ computergeneriert ist, alle Details sind manuell, analog, traditionell handwerklich gefertigt.

Heidelberg - Heiliggeistkirche - Nordschiff - 1. Joch, von Westen aus gezählt - Feld (mittlere Bahn, vierte Zeile) des Fensters "Schöpfungsgeschichte - Gottes Geist über den Wassern" von Hella De Santarossa (aufgenommen im Oktober 2015, am frühen Nachmittag)

Feld (mittlere Bahn, vierte Zeile)

Die Verwendung von Glas bringt die Möglichkeit mit sich, Schichtungen vorzunehmen, bei denen Motive unterschiedlichster Provenienz einander durchdringen – bis hin zur bereits erwähnten Anwendung von Transparenz und der damit verbundenen Einbeziehung außerhalb des Fensters liegender Realität. Bemerkenswert ist schließlich auch die durch die beschriebene Technik des Anhäufens unterschiedlicher Materialien zwischen zwei Glasplatten gegebene, für herkömmliche Glasmalerei gänzlich unzugängliche Möglichkeit des spontanen Arbeitens, durchaus vergleichbar mit intuitiv improvisierender informeller Malerei.

Glasbruch unterschiedlichster Art spielt bei alledem eine wichtige Rolle, wobei die Bruchkanten das Licht reflektieren und damit ein zusätzliches Leuchten und Glitzern ins Licht-Bild des Fensters einbringen. Aus Fragmenten entsteht ein neues Ganzes, aus Zerstörung neue Schönheit.

Autor: Hans Gercke

Mit freundlicher Genehmigung entnommen und gekürzt aus: Hans Gercke: Hella Santarossa – Ihre Fenster in der Heiliggeistkirche Heidelberg 1997-2002. In: Iris Nestler (Hrsg.): Meisterwerke der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts in den Rheinlanden, Band III, Mönchengladbach 2019, Seiten 266-275